Fremdsprachenzertifikat

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Interview

Interview mit Dr. med. Ruth Pfau, Ärztin und Nonne in Pakistan
Aus Liebe zu den Menschen – die Welt verändern
THEMEN DER ZEIT: Interview, Ulrike Hempel   Foto: Werner Sygnecki
Ruth Pfau engagiert sich seit 1960 im Kampf gegen die Lepra. In Pakistan errichtete sie mithilfe von Spenden und der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe eine Spezialklinik sowie ein flächendeckendes Netz von Leprastationen.

Bedarf es Mut, um als Ärztin wie Sie anderen Menschen zu helfen?
Pfau: Ach, wissen Sie, anzufangen ist in der Regel einfach, aber zum Durchhalten, dafür braucht man nicht nur ein bisschen Mut, sondern eine tüchtige Portion Humor, denn sonst würde man bei den vielen Schwierigkeiten irgendwann aufgeben.

Könnte nicht jeder auf seine Weise eine Ruth Pfau sein?
Pfau: Jeder hätte die Möglichkeit und könnte sich auf den Weg machen. Doch ich glaube, es gehört ein Ruf, eine Bestimmung dazu. Aber ich bin überzeugt, dass jeder Einzelne von uns über sehr viel mehr Möglichkeiten verfügt, als er auslebt. Als Einzelner muss man sich aber einem Team anschließen oder sich ein eigenes Team bilden. Allein kann man nur wenig verändern.

Was bewog Sie, nicht in Deutschland, sondern im Ausland ärztlich tätig zu sein?
Pfau: Als ich die Entscheidung getroffen habe, war ich ja schon Ordensfrau der „Töchter vom Herzen Mariä“. Ich habe meinem Orden gesagt, dass ich gern irgendwo ins Ausland möchte. Der Grund dafür war, dass in Deutschland schon das Wirtschaftswunder in der Luft hing. Mir war klar, Deutschland würde auch ohne mich auskommen. Etwa zur selben Zeit informierte Misereor über die Situation in den Entwicklungsländern und berichtete darüber, dass dringend Fachpersonal gebraucht würde.

Sie betonen immer, wie wichtig der gerechte Zugang zu Bildung für alle ist.
Pfau: Wenn wir jemandem wirklich Freiheit geben möchten, dann müssen wir ihm ein gewisses Grundwissen vermitteln. Deshalb ist auch die Ausbildung von Menschen in den Außenbezirken in Pakistan so wichtig. Nicht nur die Kinder müssen lesen und schreiben können, sondern gerade die Ausbildung der Erwachsenen im Gesundheitsfach hat viel Gewicht. Aber mir liegt auch die Ausbildung meiner Mitarbeiter sehr am Herzen. Paramedizinisches Personal ist in der Dritten Welt die einzige Möglichkeit, fachmedizinische Dienste in den äußersten Winkel des Landes zu bringen. Ärzte gehen nicht dorthin, sie können da keine Privatkliniken aufbauen.

Was genießen Sie in Deutschland am meisten?
Pfau: Wenn es in Pakistan so halbwegs ruhig ist, dann genieße ich hier eigentlich alles – vor allem, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist. Ich finde es auch schön, dass es so sauber ist. Mich erstaunt immer wieder, wie geordnet hier der Verkehr ist. Aber im Moment bin ich mit Sorge und Unruhe erfüllt. Wir brauchen wegen der Flüchtlingsproblematik aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Taliban in Pakistan jede, aber auch jede ärztliche Kraft. Der Krieg der pakistanischen Armee gegen die Taliban zwingt Hunderttausende Zivilisten zur Flucht. Da fällt es mir sehr schwer, hier zu sein. Aber ich musste kommen und mit einigen Leuten sprechen, denn eine Flüchtlingskatastrophe in diesem Ausmaß ist ja nicht im Budget berücksichtigt. Es soll schon mehr als drei Millionen Flüchtlinge geben. Von denen kenne ich bestimmt sehr viele, denn das Gebiet, aus dem sie kommen, war stark von Lepra befallen, und wir haben zwischen 1965 und 2005 jedes Dorf besucht und Reihenuntersuchungen durchgeführt. Das ist mir sehr nah, mein Team arbeitet in Mardan und Swabi, aber ich habe keine direkten Informationen.

Welchen Eindruck haben Sie vom deutschen Gesundheitssystem?
Pfau: Die Tatsache, dass sich hier jeder behandeln lassen kann und das auch bezahlt wird, finde ich absolut herrlich. Wir arbeiten auch mit den Flüchtlingen aus Afghanistan, die teilweise schon seit den 80er-Jahren in Pakistan leben. Sie bekommen überhaupt keinen Zugang zu Gesundheitsdiensten, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung haben. Lepra und Tuberkulose werden durch Mykobakterien verursacht und befallen zumeist Menschen, deren Immunsystem durch mangelhafte Ernährung oder schlechte hygienische Umstände geschwächt ist. Sie können mit einer Kombination aus verschiedenen Antibiotika behandelt werden. Lepra und TB sind „Krankheiten der Armut“. Wir hatten gerade wieder eine Familie, die an der untersten Armutsgrenze lebt, die zwei Söhne im Alter von 14 und 17 Jahren verloren hat. Sie sind an Tuberkulose gestorben. Das ist unfassbar, denn Medikamente gegen TB gibt es in Pakistan frei. So etwas würde hier in Deutschland nie vorkommen.

Was unterscheidet einen Arzt hier in Deutschland von einem Arzt in Ihrem Leprazentrum in Karatschi?
Pfau: In Pakistan muss man sich als Arzt zunächst die gesamte Infrastruktur selbst schaffen. Als wir anfingen zu arbeiten, gab es keinen, der in der Lepraarbeit ausgebildet war. Da mussten wir erst mal die Leute ausbilden, das Curriculum zusammenstellen und klären, woher man das nötige Geld bekommen könnte. Bis jetzt haben wir immerhin 53 000 Leprapatienten in unserer Kartei. Außerdem muss man immer ärztlich und sozial vorgehen, denn oft ist die wesentliche Frage, woher die Krankheit kommt. Es lohnt nicht, Babys mit Durchfall zu behandeln, ohne zu wissen, woher das Trinkwasser stammt. Das macht die Arbeit zeitweise frustrierend, aber auch sehr kreativ.

Ihr Lebenswerk wurde mit sehr vielen Auszeichnungen bedacht, wie etwa mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern, der Albert-Schweitzer-Medaille in Gold und dem Marion-Dönhoff-Preis. Was bedeuten Ihnen diese Ehrungen?
Pfau: In der Regel würde ich mir wünschen, dass ich nicht geehrt werde, denn ich muss doch dann immer zum Frisör und mir neue Schuhe kaufen. Aber für das Team ist es wichtig, denn
ursprünglich sagten mir die Leute: Wer in die Lepra geht, beweist damit, dass er nirgendwo eine Chance hat. Das ist durch die öffentliche Anerkennung unserer Arbeit natürlich Vergangenheit. Über die Anerkennung, die wir von Pakistan bekommen haben, habe ich mich immer gewundert. Es war so unerwartet einfach. Ich habe erst viel später erfahren, dass wir uns mit unserer Lepraarbeit um ein Problem gekümmert haben, vor dem die anderen eine wahnsinnige Angst hatten. In Pakistan war man höchstwahrscheinlich dankbar, dass wir ihnen diese Arbeit abnahmen. Außerdem: Als ich in den 60er-Jahren mit der Lepraarbeit anfing, da gab es in Pakistan noch keine Frau im öffentlichen Dienst, und so habe ich wohl Furore ausgelöst.

Was berichten Sie in Deutschland über Ihre Arbeit in Pakistan?
Pfau: Wir verdanken der deutschen Finanzhilfe die Möglichkeit, in Pakistan zu arbeiten. Im Moment ist es von der Fachinformation her wichtig, die Leute hier aufzuklären. Wenn die WHO darauf hinweist, dass man die Lepra im Griff hat, dann bedeutet das nicht, dass die Gefahr vorbei ist. Diesen Fehler haben wir viel zu oft gemacht. In dem Moment, wo wir die Malaria unter Kontrolle hatten, haben wir die Fronten abgebaut, und heute ist das wieder eine der häufigsten Todesursachen. Wir haben auch die Fronten abgebaut, als wir Tuberkulose im Griff hatten, und TB ist zurückgekommen. Wir wollen auf keinen Fall, dass das mit der Lepra ähnlich ist. Dazu haben wir zu viel gegeben, mein Team hat oft genug sein Leben aufs Spiel gesetzt, um Lepra unter Kontrolle zu bekommen. Lepra hat eine sehr lange Inkubationszeit, sodass wir unser Netz noch lange aufrechterhalten müssen.

Haben Sie denn für Ihr Lebenswerk gebührende Erben gefunden?
Pfau: Ja, darüber bin ich sehr froh, dafür haben wir von Anfang an gesorgt. Engagierte und gut ausgebildete Mitarbeiter sind da, nur um das Geld muss man sich immer wieder neu bemühen. 2010 werde ich mein 50. Jahr in Pakistan feiern, deshalb veröffentliche ich im März kommenden Jahres das Buch „50 Jahre in einem islamischen Land“. Wenn man so lange freiwillig dort geblieben ist, dann muss es ja auch irgendwie schön sein. Ich hätte ja mein Leben nicht einfach so heroisch verbracht. Ich bin in Pakistan wirklich glücklich gewesen, und bin es auch heute noch. Mir ist wichtig, dass ich in meinem Buch einen anderen Blick auf den Islam werfen kann. Nur eine ganz geringe Minderheit dort sind Extremisten. Wir müssen ihnen und den Sympathisanten das Wasser abgraben, und ich hoffe, dass mein neues Buch dabei helfen kann. Mein größter Wunsch ist Frieden, Frieden, Frieden.

(Quelle: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=66387)

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