Karachi im September 2013

Endlich können wir wieder ins Afghan camp fahren.
Es ist brütend heiß.
Eine Afghanin lächelt mich an, sie merkt, wie ich unter meinem schwarzem Schleier schwitze und leide. Frauensolidarität. Leider mit wenig positiven Folgen. Wir könnten uns ja auf ein Zeichen alle den Schleier vom Kopf reißen, und uns den Wind um die Nasen blasen lassen! (Keine Sorge. Das sind nur fromme Gedanken.)
In der Arbeit ist viel weiter gegangen.
Das feedingprogram läuft gut.  So konnten wir 2013 schon 46 Kinder aus dem program entlassen, da sie mit ihrem Körpergewicht im grünem Bereich sind. Je mehr Geld wir in Europa organisieren, desto mehr Kinder können wir versorgen.

Wir haben einen Schwerpunkt auf CBR (Community Basic Rehabilitation) gelegt. Es ist, als ob  die Schleusen geöffnet worden wären. Jeden Tag werden uns nun behinderte Menschen gebracht, die bis jetzt wie nicht vorhanden irgendwo untergebracht waren. Es ist wie damals, als Leprakranke unter schlimmsten Umständen gefunden wurden. So finden auch wir  jetzt behinderte Menschen unter grauenvollen Bedingungen. Oft angekettet wie Tiere.
Oft allein gelassen in ihrem Schmutz.
Das  schlimmste Beispiel für uns alle war ein menschenverachtendes  Ritual, bei dem ein behindertes Baby umgebracht hätte werden sollen. Eine Mitarbeiterin von uns konnte noch rechtzeitig eingreifen. Wir überlegen uns eine "Babyklappe".
Dr. Pfau fühlt sich wie in alten Zeiten, als sie Leprapatienten aus Löchern und Höhlen befreien musste.  Wie gut und wichtig ist es, dass wir durch die Erfolge in der Lepraarbeit jetzt viel Erfahrung und freie Kapazitäten für diese Basisarbeit haben. Behindert zu sein ist schwer genug. Damit in einem Entwicklungsland wie Pakistan menschenwürdig aufwachsen zu können, ist fast unmöglich.    Es braucht unsere Initiative und Hilfe , damit  Menschen die Möglichkeit haben sich auf Dauer selber helfen zu können. Immer wieder geht es um das leidige Geld. Hätten wir mehr - könnten wir noch einen Physiotherapeuten anstellen...

Gerade erzählte mir Lobo(der Leiter des MALC), Karachi wurde als die gefährlichste Stadt der Welt eingestuft.
"Mörderrate" 12,3 per 100.000 Einwohner. Das ist 25% höher als der Durchschnitt.
Von 2000 - 2010 ist die Bevölkerung Karachis um 80 % gewachsen.
Mir wird öfter geraten, doch bitte nicht all die schlimmen Umstände zu beschreiben, dass sei vielleicht abschreckend und dann würden die Menschen noch weniger für Pakistan spenden.
Ich glaube, es ist genau umgekehrt.
Gerade, wenn wir beschreiben, dass wir trotz dieser wahnsinnigen Umständen unsere Arbeit Tag für Tag fortsetzten.
Gerade wenn wir beschreiben wie verlässlich unsere MitarbeiterInnen trotz Gefahr täglich zum Dienst kommen.
Gerade wenn wir beschreiben, dass wir Erpressungen nicht nachgeben. (Die letzte ist eine Woche alt, und lautet : wir haben alle Shias  aus einem Projekt zu entlassen. sonst ? )
Gerade wenn wir trotz angedrohter Gewalt unsere Patienten weiter versorgen.  
Gerade dann...... werden wir Solidarität erfahren.

Ich könnte für Pakistan nicht mit gutem Gewissen Geld sammeln,  wenn wir nicht so einen verlässlichen Partner wie MALC hätten. Ich bin tief davon überzeugt, dass es falsch ist, gerade in dieser Gefahr die Menschen hier alleine zu lassen. Es scheint ein Spiel der Mächtigen zu sein, dies provozieren zu wollen. Um dann die nächsten politischen Schachzüge zu tun. Auf Kosten der Bevölkerung. Ganz besonders auf Kosten der Armen der Ärmsten. Wie schon so oft.

Unsere Arbeit geht unvermindert weiter.
Vielleicht werden wir noch vorsichtiger werden müssen.
All das macht mir letztendlich jedoch keine Sorge.
Weil ich hier hautnah das "Miteinander" erleben darf.
Da hat Dr. Pfau wirklich einen Spirit der gemeinsamen Religionen ermöglicht, und der ist nicht mehr von ihr abhängig. Den leben wir, weil wir ihn selbst so wollen.
Der bringt uns hier Frieden zwischen Muslimen, Christen und Hindus. Und dieser Geist ermöglicht uns, den Armen der Ärmsten zu dienen.
Und das macht Sinn.

Bis bald
mit herzlichem SALAM aus Karachi
Claudia Villani


23.09.2013

Wir - hier im MALC - sind sehr betroffen über den Anschlag auf Christen in Peschawar.
Besonders weil Bashir (ein Mitarbeiter des MALC)- vom sozial departement - 3 Angehörige dabei verloren hat. Die 3-jährige Nichte ist Gott sei Dank vor einer Stunde lebend gefunden worden. Bashir ist jetzt auf dem Weg zum Flughafen, um bei seiner Familie sein zu können. Es ist berührend wie hier alle zusammen halten.

Ich habe sowohl Dr. Pfau wie auch Lobo, Bashir und Sharif gefragt, ob Christen nun mehr gefährdet seien als andere Minderheiten.
NEIN - ist die eindeutige Meinung von allen.

Zusammenfassung von Lobo: ALLE sind in diesem Land gefährdet. Minderheiten ZWEIFACH. Am Gefährdesten die Ahmadis - da meint Dr.Pfau - sie stehen überhaupt auf der "Abschussliste" - dann die Shias.
Das MALC hat sich immer für ALLE Menschen - egal welcher Religion oder ethnischen Gruppe sie angehören - eingesetzt.
Der MENSCH steht im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Davon werden uns auch Anschläge nicht abbringen können.

In diesem Sinn auch herzlichen Gruß von Dr. Pfau

Claudia Villani

Die Ruth-Pfau-Schule ist eine öffentliche Schule.

Es wird kein Schulgeld erhoben.

© Ruth-Pfau-Schule 2015

Tel.: 0341 - 42 64 10 // Fax: 0341 - 42 64 141