Adventbrief aus Karachi

  • abbas1
Ankunft in Karachi um 4 Uhr früh.
Auf den Straßen ist es ruhig. Fast gespenstisch still. Die Menschen an den Straßenrändern schlafen noch. Wie Mumien liegen sie links und rechts des Weges. Nach dem Essen hören Dr.Pfau und ich in der Kapelle Teile des Weihnachtsoratoriums von Bach. Welch ein schöner Adventbeginn!

Ich bin so froh über die gute Stimmung und die Situation im Land scheint sich ein wenig beruhigt zuhaben.  Fein, da kann ich  gleich mit  einem  aufbauenden, positiven Rundbrief beginnen.
10 Minuten später beim Abendessen.
Ich frage, wie es unsere Freunden und Mitarbeitern so geht. Vor 8 Wochen war ich das letzte Mal hier. Wie geht es z.B. Shirali ? Er ist einer unserer Lepraassistenten im öffentlichen Krankenhaus in Manghopir. Oh, ob ich denn das noch nicht wüsste. Er ist erschossen worden. Was, wieso, warum? Ich fasse es nicht. Er hat in der Früh seine Tochter am Motorbike in die Schule gebracht. Am Weg wurde er von radikalen Sunniten aufgefordert sein Kind absteigen zu lassen, um Ihm dann ohne Kommentar 3 Kugeln in den Kopf zu schießen. Vor den Augen der Tochter.

Shirali war in seiner shiitischen Glaubensgemeinschaft ein führendes Mitglied, jetzt ist er tot. Fanatische Sunniten haben  alle führenden, vor allem gebildete Shiiten auf eine schwarze Liste gesetzt. D.h. sie sollen umgebracht werden.

Die Geschichte wird noch schlimmer. Almas erzählt:  Abbas muss fliehen mit Frau und Kind. Er ist der nächste auf der Liste. Unser Abbas? Mein Abbas! Mit dem wir nun 5 Jahre das Afghancamp aufgebaut haben? Der stille, bescheidene liebenswürdige Abbas? Dessen Hochzeit ich mitgefeiert, dessen Kind ich mit willkommen geheißen habe? Abbas war in seiner Gemeinschaft als Berater tätig. Zu ihm konnten alle kommen, wenn sie Probleme und Nöte hatten.  Durch seine ruhige und hilfreiche Art war er für viele eine Stütze. Das wird ihm nun zum Verhängnis. Er muss nach Afghanistan flüchten, wo er als Shiite sicherer leben kann Vorgestern war er hier um sich zu verabschieden.
Ich bin um einen Tag zu spät gekommen um Ihn noch einmal sehen zu können, ihm Danke zu sagen und mich von Ihm verabschieden zu können. Es ist unwahrscheinlich, dass wir uns je wieder begegnen werden.
Dr.Pfau hat ihm Geld aus dem Notfallfond mitgegeben.

Heute bin  ich einfach nur traurig und betroffen. Morgen werde ich mich darum kümmern, was das jetzt für die Arbeit im Afghancamp bedeutet. Wahrscheinlich müssen wir von vorne anfangen und jemanden einschulen. Abbas war so glücklich mit seine Arbeit  - und wir mit ihm. Vielleicht ist das ja doch noch ein Advent Brief geworden.

Vater , Mutter und Kind auf der Flucht. Traurig erzähle ich Dr.Pfau, dass ich eigentlich einen ermutigenden Rundbrief schreiben wollte. Sie antwortet: „Das kannst du doch. Er hat bis jetzt überlebt und wir arbeiten unermüdlich weiter. Also wenn das keine positiven Nachrichten sind - was dann."
Ja das stimmt!
Sie konnten sich rechtzeitig retten - und weiter arbeiten tun wir wirklich auch!

Einen gesegneten Advent

mit herzlichen Grüßen von Dr.Pfau
Claudia Villani

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