Nachrichten aus Pakistan

Auch wenn bei dem ganzen Schuljahresanfangstrubel manchmal die Zeit knapp wird, wollen wir einen Brief veröffentlichen, der uns in Probleme einer ganz anderen Welt eintauchen lässt und mal wieder die Wichtigkeit unseres Engagements in Karachi verdeutlicht, gleichzeitig aber auch für etwas Erdung sorgt angesichts unserer meist nicht lebensbedrohlichen Probleme des Alltags.

Pakistanrundbrief August 2013

von Claudia Villani (Österreichische Sprecherin des Ruth Pfau Forums und freiwillige Helferin der Dr. Ruth Pfau Stiftung in Pakistan)

Wahrscheinlich können wir uns in Europa nach dieser Hitzezeit nun besser vorstellen, wie schwer es ist, bei diesen Temperaturen zu arbeiten. Meine Hochachtung für die Arbeit von Dr. Pfau wächst von Jahr zu Jahr. In Pakistan kommt auch noch die immer extremer werdende Sicherheitssituation dazu. Im Alltag heißt das: Bei jeder Autofahrt besteht die Gefahr des Gekidnappt-Werdens. Bei jedem Hausbesuch die Gefahr eines Überfalls. Das gilt für alle MitarbeiterInnen, nicht nur für uns Milchgesichter. Die Angriffe werden nicht mehr der Polizei gemeldet. Im Gegenteil, nach dem Überfall auf Manghopir war niemand mehr bereit als Zeuge auszusagen, da dann zu recht befürchtet wird, dass Racheakte folgen. Mr. Lobo, unser CEO, konnte die betroffenen Familien der toten Mitarbeiter nicht besuchen fahren, weil er damit in Gefahr gewesen wäre, ebenfalls erschossen zu werden. Nach dem letztem Anschlag fasste Dr. Pfau es mit den traurigen Worten zusammen "Es ist soweit, dass auf blinde Leprapatienten geschossen wird ".

In all dieser Gewalt steht das MALC (die Organisation von Dr. Pfau) wie eine kleine, widerstandsfähige Pflanze und wächst und wächst; und das nun schon seit über 50 Jahren. Der Mensch steht im Mittelpunkt, egal welche Hautfarbe er hat, welcher Religion, welchem Stamm er angehört. Wir versuchen uns nicht der Gewalt zu beugen - auch nicht innerlich zurückzuschlagen. Dem Bösen in und um uns nicht Raum gewinnen zu lassen. Es sind immer wieder neue Ideen zu entwickeln, um das System der Gewalt zu unterlaufen. Kleine, stetige Schritte zu setzten. Dr. Pfau ist uns da allen Vorbild. Hier ein schönes Beispiel von gestern . Das Team macht sich auf den Weg von Orangi zurück ins MALC Krankenhaus in Karachi. Dr. Pfau sitzt vorne am Beifahrersitz. Nach ein paar hundert Metern stehen einige Burschen auf einer Böschung - mit Steinen in den erhobenen Händen. Es scheint, als würden sie die Steine gleich loswerfen zu wollen. In diesem Moment winkt Dr. Pfau den Burschen zu. Die Hände mit den Steinen sinken nach unten, die anderen Hände winken zurück.

Es gibt so viel zu tun. Wir versuchen uns nicht davon abbringen zu lassen, direkt zu den Menschen zu fahren.

Ulli Raimann (Sonderpädagogin aus Wien, arbeitet in ihren Ferien im MALC für das Programm CBR (Behindertenarbeit, vor allem gesellschaftliche Integration)

Sie schreibt: Ich war auch in Adamgoth, habe Unterkünfte gesehen, mein Gott, wo habe ich vor zwei Jahren hingeschaut, dass ich das nicht gesehen habe? Vielleicht war es mir damals zu steil. Dann dort im Dreck sitzen und in langen Gesprächen und Überlegungen Lösungsansätze suchen, mögliche Ressourcen ausloten,... Hast du schon einmal gesehen, dass man geistig behinderte Menschen tatsächlich an eine lange Schnur (manchmal angeblich auch eine Kette) ankettet, weil sie sonst davonlaufen und nicht mehr zurückfinden, sich und andere gefährden? Ein Jugendlicher, vielleicht 16 Jahre alt, allein im Matsch, (es hatte geregnet) und seine Mutter über Eid (Fest des Fastenbrechens, Anm. d. Red.) bei Verwandten. Essen bekommt er von einer Nachbarin. Das war mein Schockerlebnis gestern. Nach Eid soll dieser Bursche ins Krankenhaus kommen, damit geklärt werden kann, was eigentlich los ist. Haben noch keine Idee, wie wir ihn motivieren und beschäftigen könnten. Jetzt sitzt er teilnahmslos im Dreck und blickt ins Nichts. In solchen Momenten nüchtern zu bleiben, fällt mir schwer. . .

Immer wieder gilt es weiter zu arbeiten, auch wenn es für den Moment fast sinnlos erscheint. Es ist notwendig immer wieder bereit zu sein von vorne anzufangen Scheitern, ist nicht persönlich zu nehmen, sondern nüchtern zu fragen: "Was ist das nächste Mal anders zu machen, damit es gelingen kann?" Diese Worte gelten für Europa wie auch für Pakistan. Es ist völlig egal, wo wir uns für andere einsetzen, die Hauptsache ist - wir tun es.

Ein sehr lieber Freund von Dr. Pfau, Ruppert Neudeck, Gründer der Organisation "Grünhelme " ist im Moment mit direkter Gewalt konfrontiert. 3 seiner Mitarbeiter sind in Syrien gekidnappt worden.

Er schreibt berührende Worte der Ermutigung: Wir sind von deutsch-syrischer Seite gebeten worden, die Syrer wegen dieser Entführung nicht alle zu bestrafen und die Arbeit nicht einzustellen. Das wollen wir im Sinne der humanitären Ideale und Ziele der Grünhelme durchaus beherzigen. Ein deutsch-syrischer Arzt schrieb uns: „Die Kidnapper können nur einen von zwei Beweggründen haben: entweder sie möchten die Grünhelme einschüchtern oder sie einfach berauben. Beide Beweggründe müssen gegen eine Wand stoßen, die Wand der Beharrlichkeit zum Guten. Das Gute muss überwiegen und wenn das Böse große Brocken in eine Waagschale legt, fließt unendlich Gutes einfach unermüdlich weiter.“ Eine deutsche Syrerin zitierte aus dem Römerbrief (12, 21) des Apostels Paulus: „Lass Dich vom Bösen nicht überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten!

Danke Ruppert

Es gibt kein passenderes Schlusswort für diesen Rundbrief.

Claudia Villani

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